Unsere Führungsreihe — Teil 3

15.05.2020 | Alina Schneider |

Wie wird Führung in unter­schiedlichen Kon­tex­ten ver­standen und gelebt?

Wenn von Führung die Rede ist, begeg­nen uns in unseren unter­schiedlichen Beset­zungs- und Beratungs­man­dat­en die unter­schiedlich­sten Führungsver­ständ­nisse und ‑real­itäten.

Erwartun­gen bzw. Ansprüche und Wirk­lichkeit gehen bei den Führungskräften gele­gentlich weit auseinan­der. „Gute Führung“ wird allerd­ings nach Ein­schätzung aller Beteiligten ger­ade in diesen bewegten Zeit­en immer wichtiger und ste­ht auch in unser­er Wahrnehmung bei den Mitar­beit­ern immer mehr im Fokus. Es scheint, als ver­lange Führung den Führen­den zunehmend mehr ab.

Wir von pro­Job woll­ten es genauer wis­sen und haben uns deshalb auf eine ungewisse Reise begeben, um mehr über Führung und die Men­schen dahin­ter zu erfahren. Auch in Kon­tex­ten, die zunächst nicht unbe­d­ingt mit Führung in Verbindung gebracht wer­den. Was genau macht Führung aus? Kann Führen auch Spaß machen? Wieso ist Führung ein Erfol­gs­fak­tor? Fra­gen über Fra­gen. Mit teil­weise verblüf­fend­en Antworten. In los­er Folge bit­ten wir Führungskräfte oder Experten zum The­ma Führung aus unserem Net­zw­erk zum Gespräch und fra­gen nach. Es kön­nte span­nend wer­den. Begleit­en Sie uns ein­fach.

Folge 3: Führen im sportlichen Kontext, Stefan Kießling, Bayer04 Leverkusen Fußball GmbH

Ste­fan Kießling, 36, genießt in Lev­erkusen Kult­sta­tus. Nach seinem Wech­sel vom 1. FC Nürn­berg zu Bay­er 04 Lev­erkusen absolvierte der gebür­tige Bam­berg­er ins­ge­samt 444 Pflicht­spiele für den Werk­sklub und erzielte 162 Tore. In der Spielzeit 2012/2013 traf er 25 Mal und wurde Torschützenkönig. Sein let­ztes Bun­desli­gaspiel bestritt der Tor­jäger am 12. Mai 2018. Noch im gle­ichen Jahr wech­selte Kießling ins Man­age­ment als Ref­er­ent der Geschäfts­führung Sport. Im Laufe sein­er Kar­riere hat Herr Kießling auch viel über das The­ma Führung ler­nen kön­nen. Wir haben uns gefragt: Wie wird Führung im sportlichen Kon­text erlebt und gelebt?

Wie haben Sie Führung in Ihren unter­schiedlichen Positionen/Funktionen im sportlichen Umfeld erleben kön­nen?

Ste­fan Kießling: Die Führungsper­sön­lichkeit­en, wie ich sie erlebt habe, haben genau hinge­hört, Strö­mungen erkan­nt, nach Lösun­gen gesucht und Entschei­dun­gen getrof­fen. Dass diese sich im Nach­gang nicht immer als richtig erwiesen haben, liegt in der Natur der Sache. Nie­mand ist unfehlbar. Aber am Ende geht es darum, im Sinne des großen Ganzen Ver­ant­wor­tung zu übernehmen. Wird die Wahl der Entschei­dung trans­par­ent und offen kom­mu­niziert, ist das – nicht nur im Fußball – für die Akzep­tanz und die Umset­zung der erforder­lichen Maß­nah­men in der Gruppe von enormer Bedeu­tung.

Was ver­ste­hen Sie unter Führung?

Kießling: Führung bedeutet für mich in erster Lin­ie, voranzuge­hen. Ver­ant­wor­tung zu übernehmen, vor allem in schwieri­gen Phasen. Nach meinen Anfän­gen als sehr junger Spiel­er des 1. FC Nürn­berg hat sich das in mir zunehmend ver­fes­tigt. Dies bedeutet, und das entspricht mein­er Natur, Stel­lung zu beziehen, eine Posi­tion zu vertreten, stand­haft zu bleiben, Mit­spiel­er zu unter­stützen, zu motivieren. Es geht darum, für andere da zu sein. Hil­festel­lung zu leis­ten. Auf dem Platz, aber auch daneben. Lob aussprechen und kri­tisch sein. Feed­back geben, Dinge klar ansprechen, lenken, analysieren und Wege aufzeigen, um es bess­er zu machen. Kom­mu­nika­tion auf Augen­höhe ist hier, denke ich, das entschei­dende Ele­ment, damit Botschaften ankom­men und besten­falls ver­standen und umge­set­zt zu wer­den.

Welche spezielle Rolle spielt Führung im sportlichen Umfeld?

Kießling: In den Mannschaftss­portarten ist die Zusam­menset­zung eines Teams in der Regel sehr het­ero­gen, mal mehr, mal weniger. Da sind die Erfahre­nen, die Intro­vertierten, die Laut­starken und natür­lich die jun­gen Spiel­er, die ihren Weg erst noch find­en müssen, aber gle­ich­wohl für die Entwick­lung der gesamten Gruppe von Bedeu­tung sind. Und ger­ade diese bedür­fen ein­er beson­deren Unter­stützung. Führungsspiel­er acht­en hier­auf, geben Sig­nale, ver­suchen ihre Mit­spiel­er starkzu­machen. Das sind mitunter kleine Gesten. Ein kurzes Klatschen, ein auf­muntern­des ‚richtig so‘. In vie­len Sit­u­a­tio­nen spielt sich diese Kom­mu­nika­tion tat­säch­lich non­ver­bal ab.

Es gibt Geschicht­en, wonach es zwis­chen Ihnen und dem ein­sti­gen Kapitän des 1. FC Nürn­berg, Torhüter Raphael Schäfer, auch schon mal gekracht haben soll.

Kießling: Und sie sind wahr. Aber es waren andere Zeit­en. Das Ver­hält­nis von jun­gen zu älteren Spiel­ern war ein anderes. Heute sind die Burschen viel frech­er. Mis­sen möchte ich diese Zeit aber keineswegs. Mein­er Entwick­lung haben diese Kon­fronta­tio­nen aber nicht geschadet. Im Gegen­teil. Diese Auseinan­der­set­zun­gen haben mich stärk­er gemacht, mich reifen lassen, auch wenn es nicht immer ein­fach war. Die pure Har­monie ist eine Wun­schvorstel­lung und in manchen Sit­u­a­tio­nen sog­ar kon­trapro­duk­tiv. Wichtig ist, dass man sich auch nach kri­tis­chen Begeg­nun­gen ausspricht und wieder kon­struk­tiv miteinan­der umge­ht.

Mit Ihrem Kapitän Simon Rolfes, der heute Ihr direk­ter Vorge­set­zter ist, gab es auch Kon­tro­ver­sen?

Kießling: Das ist kor­rekt. Davon lebt eine Mannschaft. Mit Simon war und bin ich auch heute nicht immer ein­er Mei­n­ung. Und das ist doch gut so. Diskus­sio­nen bere­ich­ern das Miteinan­der. Nach Spie­lende war es aber immer so, dass wir uns die Hand gegeben haben und alles für den Erfolg der Mannschaft getan. Es geht immer um die Mannschaft, um das Ganze. Dem muss sich alles andere unterord­nen.

Auf dem Feld waren Sie eine unum­strit­tene Führungsper­sön­lichkeit. Was hat Sie in dieser Rolle aus­gemacht?

Kießling: Die Per­sön­lichkeit ist, wie sie ist. Das geht wohl allen Men­schen so. Da hat die Natur schon vieles angelegt, ohne unser dazu­tun. Insofern klingt Rolle für mich etwas aufge­set­zt. Ich verkör­pere den Typ, sozusagen instink­tiv, vor­ange­hen zu wollen. Ich will immer Gas geben. Impulse geben. Wenn Sie so wollen, ich will den Kampf annehmen. Ich gewinne lieber, als zu ver­lieren. Auch, weil ich danach immer bess­er schlafen kann. So war ich immer. Das ist meine Art. Dazu gehörte es eben auch, mir nach schlechteren Spie­len das Mikrophon zu schnap­pen, um bei den Fans die Wogen zu glät­ten. Das waren mitunter sehr schwierige Momente. Aber ich habe hier nie eine Sekunde gezögert, um Rede und Antwort zu ste­hen.

Welche Werte sind aus Ihrer Sicht, ins­beson­dere im sportlichen Umfeld, hin­sichtlich der Führung beson­ders wichtig?

Kießling: Die Bere­itschaft, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen und neuen Din­gen und Denkweisen aufgeschlossen gegenüberzuste­hen. Ein ver­trauensvoller, ver­ant­wor­tungsvoller, offen­er und kon­struk­tiv­er Umgang in alle Ebe­nen hinein. Dabei stets sach­lich zu bleiben und sich der Wirkung sein­er Worte bewusst zu sein. Jed­er muss wis­sen, woran er ist. Das geht nicht immer auf die san­fte Tour.

Ihre Tore sich­er, aber vor allem Ihre Authen­tiz­ität haben Sie in diese exponierte Stel­lung gebracht. Sind Glaub­würdigkeit und Echtheit als Führungskraft unverzicht­bar?

Kießling: Ich agiere stets ohne Maske. Glaub­würdigkeit, Direk­theit und Ehrlichkeit sind aus mein­er Sicht wesentliche Merk­male guter Führung. Diese Klarheit ist ist hin­sichtlich der Zielo­ri­en­tierung aus mein­er Sicht alter­na­tiv­los. Sich unver­stellt zu geben, echt zu sein, ist zumin­d­est meine Devise und bis­lang bin ich sehr gut damit gefahren.

Küh­ler Kopf oder lei­den­schaftlich emo­tion­al. Wie agieren Sie in Führungspo­si­tio­nen?

Kießling: Wie schon als Spiel­er. Das lässt sich nicht abkop­peln. Für mich ist bei­des wichtig. Ich ver­mute aber mal, dass der Kopf mit zunehmen­dem Alter die Über­hand gewin­nen wird. Doch ganz im Ernst. Ich glaube, dass Dinge, die man nicht mit Lei­den­schaft ange­ht, nicht das richtige für einen sind. Das ist das Salz in der Suppe. Die Energie, aus der beson­dere Momente entste­hen kön­nen. Bei alle­dem gehört zweifel­sohne auch eine gewisse Selb­stre­flex­ion dazu, um sein Han­deln auf den Prüf­s­tand zu stellen. Die Fähigkeit, sich Fehler einzugeste­hen, und es beim näch­sten Mal wom­öglich in ein­er anderen Dosierung bess­er zu machen. Kurz aus­ge­drückt: der per­ma­nente Wille, sein Han­deln zu opti­mieren.

Als Sie Ihre Ausze­ich­nung zum Torschützenkönig erhiel­ten, sagten Sie sin­ngemäß, dass es der Ver­di­enst der gesamten Mannschaft gewe­sen sei. Welche Bedeu­tung hat Team­play­ing für Sie?

Kießling: Das ste­ht ganz oben auf der Agen­da. Im Mannschaftss­port ist der beste Einzelne ohne seine Mit­stre­it­er nichts. Ohne eine funk­tion­ierende Mannschaft wird selb­st ein exzel­len­ter Spiel­er nie in Gänze zur Ent­fal­tung kom­men kön­nen. Die Einzel­teile bedür­fen einan­der, um als Gruppe erfol­gre­ich zu sein. Das ist ein fortwähren­der Prozess, der nicht immer gelingt. Deshalb bedarf es auch der steten Analyse von Vorgän­gen, um sie beim näch­sten Mal auf ein höheres Lev­el zu heben. So ist es immer. Das gilt auch für Unternehmen, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Wie viele Führungsspiel­er verträgt eine Mannschaft?

Kießling: Sagen wir mal so: Ich hätte etwa kein Prob­lem damit gehabt, auss­chließlich mit Spiel­ern des Kalibers Michael Bal­lacks zu spie­len. Wenn alle Spiel­er bere­it und wil­lens sind, Ver­ant­wor­tung zu übernehmen, ist das doch großar­tig. Der Regelfall ist das allerd­ings nicht. Die Struk­turen von Mannschaften bilden das gesamte Spek­trum ab. So wie ich es erlebt habe, sind in einem klas­sis­chen Kad­er von 25 Spiel­ern gut ein Vier­tel der Spiel­er Charak­tere, die auf­grund ihrer Per­sön­lichkeit die Führungsauf­gaben übernehmen und damit auch als Bindeglied zum Train­er­stab fungieren.

Sehen Sie einen Zusam­men­hang zwis­chen einem Führungsspiel­er und sein­er Leis­tung?

Kießling: In den meis­ten Fällen ist es so. Aber nicht nur. Es geht vielmehr um die Akzep­tanz als Per­sön­lichkeit. Welch­es Ver­trauen genießt sie inner­halb der Mannschaft? Welche Bedeu­tung hat der Spiel­er für das Gesamt­ge­bilde? Das sind mitunter Dinge, die sich nicht auss­chließlich an ein­er guten Leis­tung fest­machen lassen.

Es gibt die leisen Leader und die extro­vertierten. Wenn Sie abwä­gen müssten?

Kießling: Entschei­dend ist doch, dass die Botschaften ankom­men, um das Team zu lenken und zum Erfolg zu führen. Wenn jemand per­ma­nent auf Sendung ist, nutzen sich die Inhalte gewiss schneller ab. Bei aller Emo­tion­al­ität des Spiels ist ein dosiert­er Ein­satz oft­mals der bessere Weg, um gehört zu wer­den. Weniger ist halt auch im Fußball manch­mal mehr.

Was macht aus einem guten Führungsspiel­er einen beson­deren?

Kießling: Das lässt sich oft erst im Nach­gang abschließend bew­erten. Da kom­men Werte und Ver­hal­tensweisen ins Spiel, die weit über das Dasein als Fußballer hin­aus­re­ichen. Es geht um Men­schlichkeit, Iden­ti­fika­tion und die Hal­tung über die aktive Kar­riere hin­aus und den gesellschaftlichen Beitrag, den jemand nach Jahren in exponiert­er Stel­lung noch erbringt.

Wenn vom Profis­port die Rede ist, ist die Ich-AG nicht weit. Wird dieses Bild der Real­ität gerecht. Wie ist Ihre Sicht?

Kießling: Als erstes schaut jed­er Einzelne zunächst auf sich selb­st. Jed­er will spie­len. Das ist erst ein­mal auch nicht ver­w­er­flich. Entsprechend sind Ego­is­men schon stark aus­geprägt. Das gilt es aber unter Berück­sich­ti­gung Mannschaftss­port unter einen Hut zu brin­gen. Hier muss jed­er zum Team­er­folg seinen Beitrag leis­ten. Die richtige Mis­chung muss sich selb­st aus­machen. Überge­zo­gen­er Ego­is­mus aus ein­er mein­er Sicht im Mannschaftss­port abso­lut fehl am Platz.

Der Fußball ken­nt viele Hoch und Tiefs. Neben sportlichen Erfol­gen und Mis­ser­fol­gen, sieht sich der Fußball aktuell mit abge­sagten Spie­len und möglichen Geis­ter­spie­len ein­er sehr großen Her­aus­forderung gegenüber. Wie muss aus Ihrer Sicht in Krisen­zeit­en geführt wer­den?

Kießling: In mein­er Funk­tion als Ref­er­ent der Geschäfts­führung Sport bin ich sehr nahe an der Mannschaft und im Regelfall auch täglich in der Kabine und auf dem Platz. Im Moment gehen die Uhren aber anders. Kom­mu­nika­tion ist aber ger­ade in dieser Phase beson­ders wichtig. Für die Spiel­er ein­fach da zu sein. Ganz gle­ich in welch­er Form und Inten­sität. Die einen benöti­gen einen inten­siv­eren Aus­tausch, andere wiederum sind mit ein­er kleineren Schlagzahl zufrieden. Trans­parenz, Offen­heit, Klarheit sind in diesem Zusam­men­hang in diesen Tagen der Coro­na-Krise außeror­dentlich wichtig, auch wenn wir nicht auf alles zufrieden­stel­lende Antworten geben kön­nen, weil vieles nicht in unseren Hän­den liegt. Vieles ist mit Frageze­ichen verse­hen. Kein­er ken­nt den genauen Zeit­punkt der Wieder­auf­nahme, auf den unsere Spiel­er natür­lich bren­nen.

Wis­sen Sie schon, wo genau die beru­fliche Reise für Sie hinge­hen wird; haben Sie schon konkrete Pläne?

Kießling: Konkrete Pläne sind im Fußball schnell über­holt. Ger­ade jet­zt, wo uns das Virus viele Plan­spiele durchkreuzt. Salopp gesagt, gehen etliche Pläne auch schon ein­mal den Bach herunter. Grund­sät­zlich aber war und ist es mein Wun­sch, im Klub zu bleiben und mich mit allen rel­e­van­ten Auf­gaben­stel­lun­gen im Profi­fußball ver­traut zu machen. Ich will mit anpack­en, mit entschei­den und meinen Beitrag zum Erfolg von Bay­er 04 Lev­erkusen beis­teuern. Gerne noch über viele Jahre.

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