Unsere Führungsreihe — Teil 5

11.11.2020 | Alina Schneider |

Wenn von Führung die Rede ist, gehen die Ansicht­en unter Führungskräften weit auseinan­der. Von Einigkeit ist keine Spur. Im Gegen­teil: Die Extreme existieren weit­er­hin. Die Hard­lin­er führen nach klas­sis­chem Muster. Mit har­ter Hand. Von oben nach unten. Ohne Kom­pro­misse. Ein Mod­ell, das allem Anschein nach jedoch an Attrak­tiv­ität und Zus­tim­mung ver­liert. Denn die Zeit­en ändern sich und mit ihr auch der Umgang mit Mitar­beit­ern. Es scheint, als ver­lange Führung den Führen­den zunehmend mehr ab.

Wir von pro­Job woll­ten es genauer wis­sen und haben uns deshalb auf eine ungewisse Reise begeben, um mehr über Führung und die Men­schen dahin­ter zu erfahren. Wie sie ver­standen und gelebt wird. Wie wird Führung im Jahr 2020 inter­pretiert? Macht Führen eigentlich Spaß? Wieso ist Führung ein Erfol­gs­fak­tor? Fra­gen über Fra­gen. Mit teil­weise verblüf­fend­en Antworten. In los­er Folge bit­ten wir Führungskräfte zum Gespräch und fra­gen nach. Es kön­nte span­nend wer­den. Begleit­en Sie uns einfach.

Orig­i­nal­bild von Man­fred Jasmund

Folge 5 – Führung im musikalischen Kontext – Henning Krautmacher, Frontmann der „Höhner“

Hen­ning Kraut­mach­er (63) ist Musik­er und Front­mann der Köl­ner Band Höh­n­er, Gele­gen­heits-Mod­er­a­tor und ‑Schaus­piel­er. Der Heilpäd­a­goge arbeit­ete vor seinem musikalis­chen Durch­bruch als Schauwer­begestal­ter und Lokaljour­nal­ist. Mitte der 1980er Jahre kam er zu den Höh­n­ern. Der gebür­tige Lev­erkusen­er ist region­al sehr ver­bun­den und engagiert sich auf vielfältige Weise: Durch Lesun­gen, Unter­stützung der Obdachlosen­hil­fe sowie als Botschafter der Deutschen Knochen­mark­spender­datei, um nur einige zu nen­nen. Kraut­mach­er ist in zweit­er Ehe ver­heiratet und lebt in Pul­heim-Stom­meln. Kraut­mach­er ist pas­sion­iert­er Läufer.

Was bedeutet für dich Führung im All­ge­meinen, Henning?

Hen­ning Kraut­mach­er: Rich­tungsvor­gabe. Das gilt für mich auch in mech­a­nis­ch­er oder in physikalis­ch­er Hin­sicht: Straßen und Wege bauen. Um ein zuvor gesteck­tes, gemein­sames Ziel zu erre­ichen, bedarf es der Fes­tle­gung eines Weges, der eben zum Ziel führt. Dabei kön­nen die Wege recht unter­schiedlich aus­gestal­tet sein. Hier begin­nt die Arbeit der Führungskraft. Näm­lich, den zunächst ein­mal sub­jek­tiv gewählten Weg zu find­en, zu ver­mit­teln und dann gemein­sam zu beschreiten.

Welche Aspek­te sind aus dein­er Sicht beim The­ma Führung ganz beson­ders entscheidend?

Hen­ning Kraut­mach­er: Da fall­en mir zahlre­iche Begriffe ein: Selb­st­be­wusst­sein, Ziel­sicher­heit, Kom­pe­tenz, Teamgeist, Demokratiev­er­ständ­nis. Aber auch Durch­set­zungsver­mö­gen, Ger­adlin­igkeit, Ver­lässlichkeit und Intuition.

Wie funk­tion­iert Führung bei den Höhnern?

Hen­ning Kraut­mach­er: Durch Akzep­tanz. Eine Band wie die Höh­n­er, die seit fast 50 Jahren existiert, kon­nte dies nur gewährleis­ten, weil die einzel­nen Band­mit­glieder sich auf die unter­schiedlichen Begabun­gen, Tal­ente und Stärken des jew­eils Zuständi­gen auf dessen Führungs­ge­bi­et ver­lassen konnten.

Würdest du dich als Führungskraft beze­ich­nen; und übern­immt der Front­mann unbe­d­ingt auch immer die Führungsrolle in ein­er Band?

Hen­ning Kraut­mach­er: Gerne bemühe ich in solchen Fra­gen das Bild vom Soziogramm ein­er Gruppe. Damit ist im weitesten Sinne gemeint, die Inter­es­sen­ge­mein­schaft von min­destens fünf Men­schen, die ein gemein­sames Ziel ver­fol­gen. Nach mein­er per­sön­lichen Erfahrung wird man in solch ein­er Gruppe, also auch im Falle ein­er Musik­band wie die Höh­n­er, immer die unter­schiedlichen so genan­nten Arche-Typen find­en: den Prag­matik­er, den The­o­retik­er, den Mach­er, den Mitläufer, den Intro- und den Extro­vertierten. Den, der fast selb­stver­ständlich Ver­ant­wor­tung übern­immt und den Träumer. Ich unter­schei­de da gerne – der Ein­fach­heit hal­ber – auch zwis­chen laut­en und leisen Men­schen. Aber! Vor­sicht! Nicht alle laut­en Men­schen sind auch gle­ichzeit­ig eine qual­i­fizierte Führungskraft. Will sagen: ein Front­mann hat nicht automa­tisch die Führungsrolle in ein­er Band. Außer­dem glaube ich, dass man sich eine Führungspo­si­tion erst ein­mal erar­beit­en muss. Überzeu­gungsar­beit leis­ten. Ich glaube, dass in bes­timmten Bere­ichen geschafft zu haben.

Wie geht die Band mit Kon­flik­ten um; welche Sit­u­a­tio­nen sind für die Bal­ance in ein­er Band beson­ders schwierig?

Hen­ning Kraut­mach­er: Im besten Fall sollte eine Band ein aus­geprägtes und aus­geglich­enes Demokratiev­er­ständ­nis haben. Eine gewisse Stre­itkul­tur. Durch sach­liche Diskus­sion lässt sich, mein­er Mei­n­ung nach, jed­er Kon­flikt lösen. Kreativlosigkeit und Mis­ser­folg sind – so glaube ich – die gefährlich­sten Sit­u­a­tio­nen, die die Bal­ance in ein­er Band gefährden kön­nen. In einem solchen Fall ist es wohl wichtig, kri­tik­fähig zu sein – auch Selbstkritik-fähig.

Was passiert bei Wech­seln inner­halb der Band; auf was acht­est du, achtet die Gruppe und wie stellt sich der Entschei­dung­sprozess dar?

Hen­ning Kraut­mach­er: Per­son­al­wech­sel sind in ein­er so genan­nten einge­fleis­cht­en Truppe niemals ein­fach. Wenn es dazu kommt, dann sind alle Beteiligten jed­erzeit gefordert, behut­sam miteinan­der umzuge­hen. Zeit zu gewähren, um sich aufeinan­der zuzube­we­gen. Stärken zu fördern und Schwächen gemein­sam auszumerzen. Grund­sät­zlich gilt jedoch immer die berühmte Lebensweisheit: die Chemie muss stimmen.

Was macht den Unter­schied ein­er über Jahrzehnte hin­weg richtig erfol­gre­ichen Band – über das Musikalis­che hin­aus – im Gegen­satz zu ein­er lediglich guten Band aus?

Hen­ning Kraut­mach­er: Ich glaube, das liegt allein an der Philoso­phie der Einzel­nen. Der Eine sagt vielle­icht: Es reicht mir, in ein­er guten Band zu spie­len. Meine per­sön­liche Philoso­phie war immer: Es muss doch noch mehr als Alles geben.

Gab es schon ein­mal eine richtige Krise und wie ist die Band da rausgekommen?

Hen­ning Kraut­mach­er: Viele Jahre nach­dem ich meinen Vorgänger Peter Horn bei den Höh­n­ern abgelöst hat­te, erfuhr ich, dass damals einige in der Band der Mei­n­ung waren: So, das war’s jet­zt! Der Front­mann ist wahrschein­lich nicht zu erset­zen.“ Der Weg aus dieser Angst war pures Glück – näm­lich die Tat­sache, dass mit meinem Ein­stieg in die Band auch ein paar neue Hits ein­hergin­gen, die wir gemein­sam erson­nen haben.

Lässt man sich bei solchen Sit­u­a­tio­nen von Drit­ten, z.B. einem Coach helfen?

Hen­ning Kraut­mach­er: Sich coachen zu lassen, ist keine Frage von Mis­ser­folg. Die Bere­itschaft, einen Fach­mann oder Fach­frau zu Rate zu ziehen, ist und war bei uns schon immer gang und gäbe.

Gibt es aus dein­er Sicht etwas, das Führungskräfte in Unternehmen oder anderen Organ­i­sa­tio­nen an Erfahrun­gen aus dem Ban­dleben übernehmen könnten?

Kraut­mach­er: Ja! Demut. Eines der Grundge­set­ze in der Musik­branche lautet: Ein Hit ist die Aus­nahme. Der Flop ist die Regel. Man sollte von seinem Team den Top-Hit vielle­icht nicht ein­fach ein­fordern, son­dern nur zuver­sichtlich erwarten. Und wenn er dann tat­säch­lich ein­tritt, sollte man ihn gebührend feiern – gemeinsam.

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Unsere Führungsreihe — Teil 4

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