Unsere Führungsreihe – Teil 3

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Wie wird Führung in unterschiedlichen Kontexten verstanden und gelebt?

Wenn von Führung die Rede ist, begegnen uns in unseren unterschiedlichen Besetzungs- und Beratungsmandaten die unterschiedlichsten Führungsverständnisse und ‑realitäten.

Erwartungen bzw. Ansprüche und Wirklichkeit gehen bei den Führungskräften gelegentlich weit auseinander. „Gute Führung“ wird allerdings nach Einschätzung aller Beteiligten gerade in diesen bewegten Zeiten immer wichtiger und steht auch in unserer Wahrnehmung bei den Mitarbeitern immer mehr im Fokus. Es scheint, als verlange Führung den Führenden zunehmend mehr ab.

Wir von proJob wollten es genauer wissen und haben uns deshalb auf eine ungewisse Reise begeben, um mehr über Führung und die Menschen dahinter zu erfahren. Auch in Kontexten, die zunächst nicht unbedingt mit Führung in Verbindung gebracht werden. Was genau macht Führung aus? Kann Führen auch Spaß machen? Wieso ist Führung ein Erfolgsfaktor? Fragen über Fragen. Mit teilweise verblüffenden Antworten. In loser Folge bitten wir Führungskräfte oder Experten zum Thema Führung aus unserem Netzwerk zum Gespräch und fragen nach. Es könnte spannend werden. Begleiten Sie uns einfach.

Folge 3: Führen im sportlichen Kontext, Stefan Kießling, Bayer04 Leverkusen Fußball GmbH

Stefan Kießling, 36, genießt in Leverkusen Kultstatus. Nach seinem Wechsel vom 1. FC Nürnberg zu Bayer 04 Leverkusen absolvierte der gebürtige Bamberger insgesamt 444 Pflichtspiele für den Werksklub und erzielte 162 Tore. In der Spielzeit 2012/2013 traf er 25 Mal und wurde Torschützenkönig. Sein letztes Bundesligaspiel bestritt der Torjäger am 12. Mai 2018. Noch im gleichen Jahr wechselte Kießling ins Management als Referent der Geschäftsführung Sport. Im Laufe seiner Karriere hat Herr Kießling auch viel über das Thema Führung lernen können. Wir haben uns gefragt: Wie wird Führung im sportlichen Kontext erlebt und gelebt?

Wie haben Sie Führung in Ihren unterschiedlichen Positionen/Funktionen im sportlichen Umfeld erleben können?

Stefan Kießling: Die Führungspersönlichkeiten, wie ich sie erlebt habe, haben genau hingehört, Strömungen erkannt, nach Lösungen gesucht und Entscheidungen getroffen. Dass diese sich im Nachgang nicht immer als richtig erwiesen haben, liegt in der Natur der Sache. Niemand ist unfehlbar. Aber am Ende geht es darum, im Sinne des großen Ganzen Verantwortung zu übernehmen. Wird die Wahl der Entscheidung transparent und offen kommuniziert, ist das – nicht nur im Fußball – für die Akzeptanz und die Umsetzung der erforderlichen Maßnahmen in der Gruppe von enormer Bedeutung.

Was verstehen Sie unter Führung?

Kießling: Führung bedeutet für mich in erster Linie, voranzugehen. Verantwortung zu übernehmen, vor allem in schwierigen Phasen. Nach meinen Anfängen als sehr junger Spieler des 1. FC Nürnberg hat sich das in mir zunehmend verfestigt. Dies bedeutet, und das entspricht meiner Natur, Stellung zu beziehen, eine Position zu vertreten, standhaft zu bleiben, Mitspieler zu unterstützen, zu motivieren. Es geht darum, für andere da zu sein. Hilfestellung zu leisten. Auf dem Platz, aber auch daneben. Lob aussprechen und kritisch sein. Feedback geben, Dinge klar ansprechen, lenken, analysieren und Wege aufzeigen, um es besser zu machen. Kommunikation auf Augenhöhe ist hier, denke ich, das entscheidende Element, damit Botschaften ankommen und bestenfalls verstanden und umgesetzt zu werden.

Welche spezielle Rolle spielt Führung im sportlichen Umfeld?

Kießling: In den Mannschaftssportarten ist die Zusammensetzung eines Teams in der Regel sehr heterogen, mal mehr, mal weniger. Da sind die Erfahrenen, die Introvertierten, die Lautstarken und natürlich die jungen Spieler, die ihren Weg erst noch finden müssen, aber gleichwohl für die Entwicklung der gesamten Gruppe von Bedeutung sind. Und gerade diese bedürfen einer besonderen Unterstützung. Führungsspieler achten hierauf, geben Signale, versuchen ihre Mitspieler starkzumachen. Das sind mitunter kleine Gesten. Ein kurzes Klatschen, ein aufmunterndes ‚richtig so‘. In vielen Situationen spielt sich diese Kommunikation tatsächlich nonverbal ab.

Es gibt Geschichten, wonach es zwischen Ihnen und dem einstigen Kapitän des 1. FC Nürnberg, Torhüter Raphael Schäfer, auch schon mal gekracht haben soll.

Kießling: Und sie sind wahr. Aber es waren andere Zeiten. Das Verhältnis von jungen zu älteren Spielern war ein anderes. Heute sind die Burschen viel frecher. Missen möchte ich diese Zeit aber keineswegs. Meiner Entwicklung haben diese Konfrontationen aber nicht geschadet. Im Gegenteil. Diese Auseinandersetzungen haben mich stärker gemacht, mich reifen lassen, auch wenn es nicht immer einfach war. Die pure Harmonie ist eine Wunschvorstellung und in manchen Situationen sogar kontraproduktiv. Wichtig ist, dass man sich auch nach kritischen Begegnungen ausspricht und wieder konstruktiv miteinander umgeht.

Mit Ihrem Kapitän Simon Rolfes, der heute Ihr direkter Vorgesetzter ist, gab es auch Kontroversen?

Kießling: Das ist korrekt. Davon lebt eine Mannschaft. Mit Simon war und bin ich auch heute nicht immer einer Meinung. Und das ist doch gut so. Diskussionen bereichern das Miteinander. Nach Spielende war es aber immer so, dass wir uns die Hand gegeben haben und alles für den Erfolg der Mannschaft getan. Es geht immer um die Mannschaft, um das Ganze. Dem muss sich alles andere unterordnen.

Auf dem Feld waren Sie eine unumstrittene Führungspersönlichkeit. Was hat Sie in dieser Rolle ausgemacht?

Kießling: Die Persönlichkeit ist, wie sie ist. Das geht wohl allen Menschen so. Da hat die Natur schon vieles angelegt, ohne unser dazutun. Insofern klingt Rolle für mich etwas aufgesetzt. Ich verkörpere den Typ, sozusagen instinktiv, vorangehen zu wollen. Ich will immer Gas geben. Impulse geben. Wenn Sie so wollen, ich will den Kampf annehmen. Ich gewinne lieber, als zu verlieren. Auch, weil ich danach immer besser schlafen kann. So war ich immer. Das ist meine Art. Dazu gehörte es eben auch, mir nach schlechteren Spielen das Mikrophon zu schnappen, um bei den Fans die Wogen zu glätten. Das waren mitunter sehr schwierige Momente. Aber ich habe hier nie eine Sekunde gezögert, um Rede und Antwort zu stehen.

Welche Werte sind aus Ihrer Sicht, insbesondere im sportlichen Umfeld, hinsichtlich der Führung besonders wichtig?

Kießling: Die Bereitschaft, Verantwortung zu übernehmen und neuen Dingen und Denkweisen aufgeschlossen gegenüberzustehen. Ein vertrauensvoller, verantwortungsvoller, offener und konstruktiver Umgang in alle Ebenen hinein. Dabei stets sachlich zu bleiben und sich der Wirkung seiner Worte bewusst zu sein. Jeder muss wissen, woran er ist. Das geht nicht immer auf die sanfte Tour.

Ihre Tore sicher, aber vor allem Ihre Authentizität haben Sie in diese exponierte Stellung gebracht. Sind Glaubwürdigkeit und Echtheit als Führungskraft unverzichtbar?

Kießling: Ich agiere stets ohne Maske. Glaubwürdigkeit, Direktheit und Ehrlichkeit sind aus meiner Sicht wesentliche Merkmale guter Führung. Diese Klarheit ist ist hinsichtlich der Zielorientierung aus meiner Sicht alternativlos. Sich unverstellt zu geben, echt zu sein, ist zumindest meine Devise und bislang bin ich sehr gut damit gefahren.

Kühler Kopf oder leidenschaftlich emotional. Wie agieren Sie in Führungspositionen?

Kießling: Wie schon als Spieler. Das lässt sich nicht abkoppeln. Für mich ist beides wichtig. Ich vermute aber mal, dass der Kopf mit zunehmendem Alter die Überhand gewinnen wird. Doch ganz im Ernst. Ich glaube, dass Dinge, die man nicht mit Leidenschaft angeht, nicht das richtige für einen sind. Das ist das Salz in der Suppe. Die Energie, aus der besondere Momente entstehen können. Bei alledem gehört zweifelsohne auch eine gewisse Selbstreflexion dazu, um sein Handeln auf den Prüfstand zu stellen. Die Fähigkeit, sich Fehler einzugestehen, und es beim nächsten Mal womöglich in einer anderen Dosierung besser zu machen. Kurz ausgedrückt: der permanente Wille, sein Handeln zu optimieren.

Als Sie Ihre Auszeichnung zum Torschützenkönig erhielten, sagten Sie sinngemäß, dass es der Verdienst der gesamten Mannschaft gewesen sei. Welche Bedeutung hat Teamplaying für Sie?

Kießling: Das steht ganz oben auf der Agenda. Im Mannschaftssport ist der beste Einzelne ohne seine Mitstreiter nichts. Ohne eine funktionierende Mannschaft wird selbst ein exzellenter Spieler nie in Gänze zur Entfaltung kommen können. Die Einzelteile bedürfen einander, um als Gruppe erfolgreich zu sein. Das ist ein fortwährender Prozess, der nicht immer gelingt. Deshalb bedarf es auch der steten Analyse von Vorgängen, um sie beim nächsten Mal auf ein höheres Level zu heben. So ist es immer. Das gilt auch für Unternehmen, die nichts mit Fußball zu tun haben.

Wie viele Führungsspieler verträgt eine Mannschaft?

Kießling: Sagen wir mal so: Ich hätte etwa kein Problem damit gehabt, ausschließlich mit Spielern des Kalibers Michael Ballacks zu spielen. Wenn alle Spieler bereit und willens sind, Verantwortung zu übernehmen, ist das doch großartig. Der Regelfall ist das allerdings nicht. Die Strukturen von Mannschaften bilden das gesamte Spektrum ab. So wie ich es erlebt habe, sind in einem klassischen Kader von 25 Spielern gut ein Viertel der Spieler Charaktere, die aufgrund ihrer Persönlichkeit die Führungsaufgaben übernehmen und damit auch als Bindeglied zum Trainerstab fungieren.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen einem Führungsspieler und seiner Leistung?

Kießling: In den meisten Fällen ist es so. Aber nicht nur. Es geht vielmehr um die Akzeptanz als Persönlichkeit. Welches Vertrauen genießt sie innerhalb der Mannschaft? Welche Bedeutung hat der Spieler für das Gesamtgebilde? Das sind mitunter Dinge, die sich nicht ausschließlich an einer guten Leistung festmachen lassen.

Es gibt die leisen Leader und die extrovertierten. Wenn Sie abwägen müssten?

Kießling: Entscheidend ist doch, dass die Botschaften ankommen, um das Team zu lenken und zum Erfolg zu führen. Wenn jemand permanent auf Sendung ist, nutzen sich die Inhalte gewiss schneller ab. Bei aller Emotionalität des Spiels ist ein dosierter Einsatz oftmals der bessere Weg, um gehört zu werden. Weniger ist halt auch im Fußball manchmal mehr.

Was macht aus einem guten Führungsspieler einen besonderen?

Kießling: Das lässt sich oft erst im Nachgang abschließend bewerten. Da kommen Werte und Verhaltensweisen ins Spiel, die weit über das Dasein als Fußballer hinausreichen. Es geht um Menschlichkeit, Identifikation und die Haltung über die aktive Karriere hinaus und den gesellschaftlichen Beitrag, den jemand nach Jahren in exponierter Stellung noch erbringt.

Wenn vom Profisport die Rede ist, ist die Ich-AG nicht weit. Wird dieses Bild der Realität gerecht. Wie ist Ihre Sicht?

Kießling: Als erstes schaut jeder Einzelne zunächst auf sich selbst. Jeder will spielen. Das ist erst einmal auch nicht verwerflich. Entsprechend sind Egoismen schon stark ausgeprägt. Das gilt es aber unter Berücksichtigung Mannschaftssport unter einen Hut zu bringen. Hier muss jeder zum Teamerfolg seinen Beitrag leisten. Die richtige Mischung muss sich selbst ausmachen. Übergezogener Egoismus aus einer meiner Sicht im Mannschaftssport absolut fehl am Platz.

Der Fußball kennt viele Hoch und Tiefs. Neben sportlichen Erfolgen und Misserfolgen, sieht sich der Fußball aktuell mit abgesagten Spielen und möglichen Geisterspielen einer sehr großen Herausforderung gegenüber. Wie muss aus Ihrer Sicht in Krisenzeiten geführt werden?

Kießling: In meiner Funktion als Referent der Geschäftsführung Sport bin ich sehr nahe an der Mannschaft und im Regelfall auch täglich in der Kabine und auf dem Platz. Im Moment gehen die Uhren aber anders. Kommunikation ist aber gerade in dieser Phase besonders wichtig. Für die Spieler einfach da zu sein. Ganz gleich in welcher Form und Intensität. Die einen benötigen einen intensiveren Austausch, andere wiederum sind mit einer kleineren Schlagzahl zufrieden. Transparenz, Offenheit, Klarheit sind in diesem Zusammenhang in diesen Tagen der Corona-Krise außerordentlich wichtig, auch wenn wir nicht auf alles zufriedenstellende Antworten geben können, weil vieles nicht in unseren Händen liegt. Vieles ist mit Fragezeichen versehen. Keiner kennt den genauen Zeitpunkt der Wiederaufnahme, auf den unsere Spieler natürlich brennen.

Wissen Sie schon, wo genau die berufliche Reise für Sie hingehen wird; haben Sie schon konkrete Pläne?

Kießling: Konkrete Pläne sind im Fußball schnell überholt. Gerade jetzt, wo uns das Virus viele Planspiele durchkreuzt. Salopp gesagt, gehen etliche Pläne auch schon einmal den Bach herunter. Grundsätzlich aber war und ist es mein Wunsch, im Klub zu bleiben und mich mit allen relevanten Aufgabenstellungen im Profifußball vertraut zu machen. Ich will mit anpacken, mit entscheiden und meinen Beitrag zum Erfolg von Bayer 04 Leverkusen beisteuern. Gerne noch über viele Jahre.

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